Tag 35 (5.9.): Durchs Neretva-Delta und drei Stunden in Bosnien-Herzegowina (Rogotin –
Prapratna)
Es hat die ganze Nacht gewindet und wir haben schlecht geschlafen. Verdammter
kroatischer Wind, ich kann ihn nicht leiden: immer pustet er alles durcheinander,
raubt einem den Schlaf und kommt beim Radeln meist von vorn.

Zelten neben haushohem Schilf im Neretva-Delta
Bei der Weiterfahrt stellen wir fest, dass unser Weg eine Sackgasse ist, stoßen
jedoch in der anderen Richtung auf ein Gewirr von Feldwegen und wählen einen
aus, der von der Richtung her passt. Das Neretva-Delta scheint so etwas wie der
Obst- und Gemüsegarten Kroatiens zu sein. Von einem Feld stehlen wir –
nicht ganz ohne schlechtes Gewissen – eine Wassermelone, die wir später
zum Mittag und am nächsten Tag noch verspeisen werden. Dann stoßen
wir doch noch auf das gewünschte Asphaltsträßchen – wo sein
Anfang war, bleibt rätselhaft.

Wassermelonen-Feld
Wir kommen auf einem Damm zur Neretva-Mündung, zur rechten der kanalisierte
Fluss mit dem Hafen von Ploče im Hintergrund, zur linken eine äußerst
flache Bucht mit Sumpfwiesen, Silberreihern und fantastischen Kuppelbergen. Jetzt
weiß ich auch, wieso mich die Landschaft an China erinnert – in meinem
Referat über Karstlandschaften habe ich Fotos von dort mit tropischen Karstformationen
gesehen, die ganz ähnlich aussahen. Auf der anderen Seite der Bucht ruht
majestätisch der Pelješac. Wir fahren weiter zur Brücke über
den kleineren Flussarm Mala Neretva und von dort hoch zur Adria-Magistrale. Der
Rückblick von oben über das gesamte Delta offenbart eine viel aufgeräumtere
und streng symmetrisch eingeteilte Landschaft, als wir sie von unten erlebt haben.
Es ist sogar eine richtig kunstvoll angelegte Teichlandschaft auszumachen.

Ausgedehnte Brackwasserflächen und Kuppenkarst

Eine monochrome Landschaft im Mittags-Dunst

Silberreiher vor einer Hausruine

Kunstvolle Landschaftsarchitektur im Neretva-Delta
Die Magistrale bringt uns schnell hinein nach Bosnien-Herzegowina, in die einzige
Küstenstadt des Landes, Neum. Da es sich um eine Transitstrecke handelt,
sind die Grenzkontrollen mau, der freundliche Zöllner gibt uns nicht einmal
einen Stempel in den Pass. Einen merkwürdig geformten Zugang zum Meer hat
Bosnien hier erhalten – wie dies zustande gekommen ist, muss ich zu Hause
mal recherchieren. Die Stadt ist terrassenförmig an einem steilen Hang über
einer Bilderbuchbucht gelegen und könnte auch in Kroatien liegen –
es sind kaum Unterschiede festzustellen. Über der Stadt ein großes
Kreuz – sie scheint also katholisch zu sein, und über den Straßen
nur kroatische Flaggen. Die bosnische Fahne, dieses merkwürdige Kunstgebilde,
habe ich nur an der Grenze gesehen. Die Bewohner sind zu 90 % Kroaten – ob sie wohl lieber zu Kroatien gehören
würden? Unten am Wasser sind Hakenkreuz-Schmierereien auszumachen.

Neum, der einzige Zugang Bosnien-Herzegowinas zur Adria
Wir fahren steil hinab zum Meer, essen dort zu Mittag und baden in der erfrischenden
Adria. Als ich aus dem Wasser komme, trocknet mich ein Wind so heiß wie
ein Fön. Die Hitze macht uns zu schaffen – je weiter wir nach Süden
kommen, desto schlimmer scheint sie zu werden. Man fühlt sich einfach sehr
schnell schlapp und maddelig. Vielleicht liegt es aber auch mit daran, dass die
Luft so langsam raus ist und wir des Radfahrens müde sind.

Fönfrisur nach dem Baden
So schnell wir nach Bosnien herein gekommen sind, so schnell sind wir auch schon
wieder draußen. Die südliche Grenze wird nur durch einen Grenzpfahl
und ein Schild „Republika Hrvatska“ markiert, die Kontrollstation
folgt erst einige Kilometer dahinter. Wir helfen einem jungen Mann, der uns auf
kroatisch nach einem Schraubenzieher fragt – er hat seinen Autoschlüssel
im Kofferraum liegen und dieser ist geschlossen. Mit dem Werkzeug bekommt er die
Klappe des alten Fords im Nu auf, wir bekommen dafür ein paar Weintrauben.
Eine halbe Stunde später kommen wir wieder an ihm vorbei, diesmal ist es
wohl eine größere Panne… Da wir die Magistrale bis Dubrovnik
umgehen wollen und uns außerdem von mehreren Seiten die schöne Insel
Mljet empfohlen wurde, haben wir beschlossen, über diese nach Dubrovnik zu
fahren. Dazu biegen wir am Südende der engen Bucht Malostonski kanal nach
rechts ab und gelangen so wiederum auf den Pelješac. Die Bucht ist proppevoll
mit irgendwelchen Reusen und Gestellen, wir vermuten Fisch- oder Muschelzucht,
doch nach nachhaltiger Wirtschaft sieht das nicht gerade aus. Eine letzte Pause
legen wir in Ston ein, wo die riesige Mauer zwischen der Stadt und Mali Ston,
die sich hoch den Berg hinauf zieht, uns an die chinesische Mauer erinnert. Wieso
die Menschen wohl so einen schroffen Berggipfel ummauert haben? Wie dem auch sei,
wir kehren auf dem Campingplatz Prapratna ein, mal wieder duschen und waschen.
Eigentlich wollen wir noch in Inas Geburtstag hineinfeiern, doch sie selbst ist
so müde, dass wir es dann doch sein lassen – der Sekt muss also bis
morgen früh warten!

„Chinesische Mauer“ zwischen Ston und Mali Ston
65,5 km – 15,5 km/h