Tag 9 (02.07.): Bombastische Schlucht in der Westlichen Tatra (Oravská Lesná
– Liptovský Trnovec)
Der heftige Ostwind hat die ganze Nacht weiter gewütet, aber auch etwas
besseres Wetter gebracht – es tun sich einige Lücken in der Wolkendecke
auf. Bei der Abfahrt nach Oravská Lesná haben wir den ersten Blick
auf die Gipfel der Hohen (oder doch der Niederen? – bin nicht ganz sicher)
Tatra.
Wir fahren das Tal der Biela Orava (Weiße Arwa) hinab und kämpfen
den vierten Tag in Folge gegen eben jenen Ostwind an. Die Temperaturen sind
kein Vergleich mit denen der ersten Tage – wir müssen oft den Windstopper
überziehen. Am Orava-Stausee liegt ein toter Mann neben der Straße,
der sich dann aber doch als Alkoholleiche herausstellt, die wohl nur ein kleines
Nickerchen macht; außer uns hält noch ein Auto an, doch es gibt nichts
zu helfen. In Tvrdošín machen wir Mittagspause auf einer Bank und
bekommen Besuch von drei jungen Männern, von denen mindestens einer auch
ganz ordentlich bezecht ist – es ist ganz lustig, aber wir sind auch froh,
sie wieder los zu werden (der besoffene Typ frisst uns ohne zu fragen einen
Apfel weg…). Außer diesen Wochenendsäufern sehen wir heute
recht viele Leute, die eindeutig ihre Sonntagskleidung tragen.
Bei Podbiel biegen wir links in die Studená dolina ab. Zuberec erweist
sich als weniger interessant, als im Reiseführer beschrieben, dafür
ist das oberhalb gelegene Huty ein wunderschönes Dorf mit vielen traditionellen
Holzhäusern. Wir fahren über Huty, da ich irgendwann im Rad-Forum
mal was von der Schlucht Kvačianska dolina gelesen habe und sie auch als Radroute
ausgeschildert ist. Der Weg hindurch ist jedoch eher eine sehr raue Mountainbike-Piste,
und unsere vollbeladenen Räder und vor allem die Bremsen werden auf eine
harte Probe gestellt. Lockere Steine und Felsbrocken auf sehr steilen Anstiegen
und Abfahrten wechseln sich ab, so dass wir einige Male schieben müssen.
Doch es lohnt sich: die bewaldete Schlucht ist bombastisch – tief unter
uns bahnt sich der tosende Bach seinen Weg.
Als wir bei Kvačany das Liptauer Becken (Liptovská kotlina), die Ebene
zwischen Westlicher und Niederer Tatra, erreichen, ist dort endlich wieder die
Sonne vollends durchgebrochen. Es ergeben sich fantastische Ausblicke auf die
Hohe Tatra und ich kann mich kaum sattsehen. Um mal wieder zu waschen, steuern
wir den Campingplatz von Liptovský Trnovec an – ein recht luxuriöser
und für slowakische Verhältnisse teurer Platz: wir zahlen fast 5 €
pro Person. Man merkt, dass die Hohe Tatra mittlerweile auch Ziel des internationalen
Tourismus ist… Nach dem Abendessen werden wir von zwei 25jährigen
Franzosen aus Dünkirchen noch zum Grillen und Vodka-Trinken eingeladen
– es ist sehr nett mit den beiden. Sie fahren mit einem uralten Auto und
Campingwagen fünfzehn Tage durch Osteuropa. Wir verabreden uns morgen zum
Frühstück mit ihnen.
92,7 km – 17,5 km/h – 762 hm