Tag 39 (01.08.): Juchuu – das Schwarze Meer! (General Toševo/Генерал Тошево – Varna/Варна)
In der Nacht hat es einen kräftigen Schauer gegeben, doch morgens ist wieder
blauer Himmel. Dennoch wache ich durch meinen Zeltplatz im Schatten heute erst
später auf als sonst.
In General Toševo mache ich meinen ersten Einkauf im neuen Land –
für nicht mal 2 Lewa (~ 1 €) bekomme ich anderthalb Liter Wasser,
ein Brot und Margarine. An einer Tanke kaufe ich eine zusätzliche bulgarische
Landkarte, da meine nur die lateinischen Ortsnamen kennt. Als ich den Mann nach
einer Karte frage, schüttelt er den Kopf, was auf bulgarisch „ja“
bedeutet – ich habe zwar davon gelesen, aber in dem Moment ist es mir
natürlich gerade nicht präsent und ich bin etwas verwirrt. Putziges
Volk…
Ich fahre an Dobrič (Добрич) vorbei, da man sich ja schließlich nicht
alles angucken kann – mein Ziel ist Balčik (Балчик), die weiße Stadt
am Meer. Bis dort sind noch einige Hügel zu überwinden… Erst
im Ort selbst, bei einer schönen Abfahrt, erblicke ich es zum ersten Mal
in meinem Leben: Черно Море, das Schwarze Meer! Es ist ein unglaublich tolles
Gefühl, es mit dem Fahrrad von Deutschland aus erreicht zu haben! Es kommt
mir so vor, als würde die Luft hier gleich ganz anders riechen… Balčik
ist ein schöner Ort, traumhaft gelegen unter weißen Kalkfelsen, daher
„weiße Stadt“. Es latschen viele Touris rum, aber wie ich
später noch feststellen werde, ist das hier noch gar nichts im Vergleich
mit den etwas weiter südlich gelegenen Orten… Ich suche mir ein schattiges
Plätzchen für die Mittagspause. Das berühmte Schloss der rumänischen
Königin Maria kann ich leider nicht finden, obwohl ich einem Hinweisschild
folge.
Nach Süden folge ich der Küstenstraße, die kurz vor ihrem Einmünden
in die E87 einen guten Blick auf die Touristenorte am Goldstrand (Zlatni Pjasăci/Златни Пясъци) freigibt – eine Bettenburg neben der anderen… Die Straße,
die mich an diesen Orten vorbei bzw. durch sie hindurch nach Varna (Варна) führt,
geht mir dann auch tierisch auf den Keks: Touri-Rummel, sehr viel Verkehr und
mal wieder ein ewiges Hoch und Runter. Zuerst hatte ich mich irgendwie gefreut,
jetzt mal wieder in richtiges touristisches Gebiet vorzudringen, doch die ganzen
Deppen, die in Badeklamotten, mit Sonnenhut und Luftmatratze unterm Arm herumlaufen,
gehen mir sehr schnell auf die Nerven. Es sind jede Menge Proleten und total coole Typen
unterwegs. Irgendwie fühle ich mich als Radfahrer seltsam erhaben über
dieses gemeine Volk, ich kann da gar nichts gegen machen…
Von Varna bin ich auch nicht soo begeistert. Es ist zwar eigentlich sehr nett,
aber eindeutig zu voll mit Menschen, und ich habe zunächst Orientierungsschwierigkeiten.
Ich schiebe mein Rad einmal durch die Fußgängerzone und werde alle
paar Meter von Leuten angequatscht, die mir zu einem ganz besonders günstigen
Kurs Euro in Lewa umtauschen wollen.
Da es bis Burgas (Бургас) noch etwa 130 km sein müssten, möchte ich
noch etwas aus der Stadt in diese Richtung herauskommen. Ich fahre über
die hohe Brücke, die über die Varnaer Bucht führt, und nehme
dann die alte Straße, um die Autobahn zu meiden. Meine neue bulgarische
Karte (1:540.000) zeigt die Verkehrsführung zum Glück deutlich besser
als meine deutsche Eurocart 1:800.000. Es geht steil aus der Stadt heraus, 200
Höhenmeter. Oben auf dem Plateau stehen an der Straße einige leichte
Mädchen herum.
Ich würde heute auch ein Zimmer bezahlen, da ich dringendst mal wieder
duschen muss. Aber da es mir zu unsicher ist, im nächsten Ort Priselci
(Приселци), der nicht am Meer liegt, eines zu finden, und die Sonne auch schon
untergeht, beschließe ich, noch einmal wild zu zelten. Ich koche zunächst
am Rand einer kleinen Schotterstraße (die ich für kaum befahren halte),
um später das Zelt aufzubauen. Als ich gerade beim Abwaschen bin, kommt
doch ein Auto mit einem älteren Ehepaar vorbeigefahren, das anhält
und Angst hat, ich könnte überfallen werden. Wenn man keine gemeinsame
Sprache spricht, heißt dies „zapp-zarapp“ ;-). Sie laden mich
zu sich nach Varna ein – nach einigem Zögern (morgen mehr Strecke
und den Berg wieder hoch) willige ich ein, da dies ein nettes Erlebnis zu werden
verspricht. Vor allem wird es erst einmal ein krasses Erlebnis: Ich folge ihnen
auf dem Fahrrad die gleiche Strecke zurück – als ich ihnen zu langsam
bin, spannen sie mein Rad kurzerhand mit einem Seil an ihrer Anhängerkupplung
fest. Zugegebenermaßen äußerst leichtsinnig und ich zögere
auch zunächst, doch es klappt prima und bringt auch noch sehr viel Spaß!
Zum Glück wohnen sie auf der Südseite der Bucht in einer Dachgeschosswohnung
in einem Mehrfamilienhaus, wo ich dann auch die 21jährige Tochter kennen
lerne, die im Gegensatz zu ihren Eltern zum Glück etwas Englisch spricht.
Die Familie heißt Стоянчева (Stojančeva). Es wird ein netter Abend und
sie fragen mich eine Menge, wobei die Tochter dolmetscht. Ich bekomme noch einen
Salat, drei Frikadunsen mit dicken Bohnen, selbstgemachten Obstbrand und ein
Bier – und duschen darf ich auch. Sie bieten es mir von sich aus an –
wahrscheinlich riechen sie, dass es nötig ist… ;-) Ich habe das Gefühl,
sie wollen mir ihre Tochter etwas schmackhaft machen. Die zweite Tochter, 25,
wohnt auch noch zu Hause; ich lerne sie aber nicht kennen, da sie am Goldstrand
arbeitet. Die Eltern sind beide 60 und schon pensioniert, die jüngere Tochter
arbeitet ebenfalls den Sommer über im Tourismus und studiert im Winter.
Ich darf im Wohnzimmer auf einer Art Couch schlafen und bekomme sogar frisch
bezogene Bettwäsche!
123,8 km – 19,5 km/h – 1.008 hm