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Istanbul 2006

Tag 39 (01.08.): Juchuu – das Schwarze Meer! (General Toševo/Генерал Тошево – Varna/Варна)

In der Nacht hat es einen kräftigen Schauer gegeben, doch morgens ist wieder blauer Himmel. Dennoch wache ich durch meinen Zeltplatz im Schatten heute erst später auf als sonst.

In General Toševo mache ich meinen ersten Einkauf im neuen Land – für nicht mal 2 Lewa (~ 1 €) bekomme ich anderthalb Liter Wasser, ein Brot und Margarine. An einer Tanke kaufe ich eine zusätzliche bulgarische Landkarte, da meine nur die lateinischen Ortsnamen kennt. Als ich den Mann nach einer Karte frage, schüttelt er den Kopf, was auf bulgarisch „ja“ bedeutet – ich habe zwar davon gelesen, aber in dem Moment ist es mir natürlich gerade nicht präsent und ich bin etwas verwirrt. Putziges Volk…

Ich fahre an Dobrič (Добрич) vorbei, da man sich ja schließlich nicht alles angucken kann – mein Ziel ist Balčik (Балчик), die weiße Stadt am Meer. Bis dort sind noch einige Hügel zu überwinden… Erst im Ort selbst, bei einer schönen Abfahrt, erblicke ich es zum ersten Mal in meinem Leben: Черно Море, das Schwarze Meer! Es ist ein unglaublich tolles Gefühl, es mit dem Fahrrad von Deutschland aus erreicht zu haben! Es kommt mir so vor, als würde die Luft hier gleich ganz anders riechen… Balčik ist ein schöner Ort, traumhaft gelegen unter weißen Kalkfelsen, daher „weiße Stadt“. Es latschen viele Touris rum, aber wie ich später noch feststellen werde, ist das hier noch gar nichts im Vergleich mit den etwas weiter südlich gelegenen Orten… Ich suche mir ein schattiges Plätzchen für die Mittagspause. Das berühmte Schloss der rumänischen Königin Maria kann ich leider nicht finden, obwohl ich einem Hinweisschild folge.

Nach Süden folge ich der Küstenstraße, die kurz vor ihrem Einmünden in die E87 einen guten Blick auf die Touristenorte am Goldstrand (Zlatni Pjasăci/Златни Пясъци) freigibt – eine Bettenburg neben der anderen… Die Straße, die mich an diesen Orten vorbei bzw. durch sie hindurch nach Varna (Варна) führt, geht mir dann auch tierisch auf den Keks: Touri-Rummel, sehr viel Verkehr und mal wieder ein ewiges Hoch und Runter. Zuerst hatte ich mich irgendwie gefreut, jetzt mal wieder in richtiges touristisches Gebiet vorzudringen, doch die ganzen Deppen, die in Badeklamotten, mit Sonnenhut und Luftmatratze unterm Arm herumlaufen, gehen mir sehr schnell auf die Nerven. Es sind jede Menge Proleten und total coole Typen unterwegs. Irgendwie fühle ich mich als Radfahrer seltsam erhaben über dieses gemeine Volk, ich kann da gar nichts gegen machen…

Von Varna bin ich auch nicht soo begeistert. Es ist zwar eigentlich sehr nett, aber eindeutig zu voll mit Menschen, und ich habe zunächst Orientierungsschwierigkeiten. Ich schiebe mein Rad einmal durch die Fußgängerzone und werde alle paar Meter von Leuten angequatscht, die mir zu einem ganz besonders günstigen Kurs Euro in Lewa umtauschen wollen.

Da es bis Burgas (Бургас) noch etwa 130 km sein müssten, möchte ich noch etwas aus der Stadt in diese Richtung herauskommen. Ich fahre über die hohe Brücke, die über die Varnaer Bucht führt, und nehme dann die alte Straße, um die Autobahn zu meiden. Meine neue bulgarische Karte (1:540.000) zeigt die Verkehrsführung zum Glück deutlich besser als meine deutsche Eurocart 1:800.000. Es geht steil aus der Stadt heraus, 200 Höhenmeter. Oben auf dem Plateau stehen an der Straße einige leichte Mädchen herum.

Ich würde heute auch ein Zimmer bezahlen, da ich dringendst mal wieder duschen muss. Aber da es mir zu unsicher ist, im nächsten Ort Priselci (Приселци), der nicht am Meer liegt, eines zu finden, und die Sonne auch schon untergeht, beschließe ich, noch einmal wild zu zelten. Ich koche zunächst am Rand einer kleinen Schotterstraße (die ich für kaum befahren halte), um später das Zelt aufzubauen. Als ich gerade beim Abwaschen bin, kommt doch ein Auto mit einem älteren Ehepaar vorbeigefahren, das anhält und Angst hat, ich könnte überfallen werden. Wenn man keine gemeinsame Sprache spricht, heißt dies „zapp-zarapp“ ;-). Sie laden mich zu sich nach Varna ein – nach einigem Zögern (morgen mehr Strecke und den Berg wieder hoch) willige ich ein, da dies ein nettes Erlebnis zu werden verspricht. Vor allem wird es erst einmal ein krasses Erlebnis: Ich folge ihnen auf dem Fahrrad die gleiche Strecke zurück – als ich ihnen zu langsam bin, spannen sie mein Rad kurzerhand mit einem Seil an ihrer Anhängerkupplung fest. Zugegebenermaßen äußerst leichtsinnig und ich zögere auch zunächst, doch es klappt prima und bringt auch noch sehr viel Spaß!

Zum Glück wohnen sie auf der Südseite der Bucht in einer Dachgeschosswohnung in einem Mehrfamilienhaus, wo ich dann auch die 21jährige Tochter kennen lerne, die im Gegensatz zu ihren Eltern zum Glück etwas Englisch spricht. Die Familie heißt Стоянчева (Stojančeva). Es wird ein netter Abend und sie fragen mich eine Menge, wobei die Tochter dolmetscht. Ich bekomme noch einen Salat, drei Frikadunsen mit dicken Bohnen, selbstgemachten Obstbrand und ein Bier – und duschen darf ich auch. Sie bieten es mir von sich aus an – wahrscheinlich riechen sie, dass es nötig ist… ;-) Ich habe das Gefühl, sie wollen mir ihre Tochter etwas schmackhaft machen. Die zweite Tochter, 25, wohnt auch noch zu Hause; ich lerne sie aber nicht kennen, da sie am Goldstrand arbeitet. Die Eltern sind beide 60 und schon pensioniert, die jüngere Tochter arbeitet ebenfalls den Sommer über im Tourismus und studiert im Winter. Ich darf im Wohnzimmer auf einer Art Couch schlafen und bekomme sogar frisch bezogene Bettwäsche!

123,8 km – 19,5 km/h – 1.008 hm

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