Tag 29 (22.07.): Land der sächsischen Kirchenburgen (Sighişoara – Copşa Mică)
Das Frühstück mit meinen Gastgebern und den beiden anderen Gästen
ist nett und wir diskutieren noch einmal die wirtschaftliche Lage Rumäniens
aus. Die beiden knüpfen große Hoffnungen an den voraussichtlichen
EU-Beitritt ihres Landes im nächsten Jahr.
Ich bringe vormittags noch meinen Postkartenfilm zum 1-h-Entwicklungsservice
und schaue mir während der Wartezeit das historische Museum im Stundturm
an, mit schöner Aussicht über die Stadt vom Rundum-Balkon im obersten
Stockwerk. Es gibt noch einen kurzen Schauer, doch der Rest des Tages wird wieder
heiß.
Das Gebiet zwischen Sighişoara und Sibiu ist bekannt wegen seiner Kirchenburgen,
zum Schutz gegen türkische Einfälle befestigte Kirchen. Da die meisten
abseits der Hauptstraße durch das Kokeltal liegen, entscheide ich mich
für einen Abstecher nach Biertan (deutsch Birthälm), das die berühmteste
der siebenbürgischen Kirchenburgen beherbergt und einst evangelischer Bischofssitz
der Sachsen war. Die Kirchenburg thront auf einem Hügel über dem kleinen
Landstädtchen und wird von drei Ringmauern geschützt. Es ist sehr
nett hier und auf dem Marktplatz findet eine Art Volksfest mit vielen Ramsch-Ständen
statt. Ich treffe drei Radler aus dem französischsprachigen Teil Kanadas,
die von Süden her über Richiş gekommen sind. Da die Kirchenburg dort
nicht sonderlich sehenswert sein soll, spar ich mir den Umweg. Stattdessen möchte
ich über Dupuş und eventuell Aţel wieder zurück ins Kokeltal fahren,
doch zwei Leute, die ich frage, schicken mich unabhängig voneinander auf
dem gleichen Weg, den ich gekommen bin, zur Hauptstraße zurück – die in der Karte verzeichnete direkte Verbindung scheint
nicht zu existieren oder muss derart übel sein, dass sie mich nicht dort
lang fahren lassen wollen. Na gut, dann werde ich mir aber auf jeden Fall noch
als weitere Kirchenburg die von Valea Viilor anschauen, die mir die drei Kanadier
empfohlen haben.
Ich fahre also zurück zur Hauptstraße und komme am späten Nachmittag
in Mediaş (deutsch Mediasch, eine weitere der „sieben Burgen“) an,
das ganz hübsch, aber etwas verschlafen ist. Ich fahre zur evangelischen Margarethenkirche
und werde sogleich von einem Schüler angesprochen, der mich in perfektem
Deutsch durch das Gotteshaus führt, ein Ferienjob. Er erklärt mir
die Besonderheit der Kirche, die darin besteht, dass die eine Seite des Hauptschiffes
noch Basilika, die andere schon Hallenkirche ist – beim Umbau ging dereinst
das Geld aus.
Da es schon spät ist, werde ich erst morgen früh die Kirchenburg von
Valea Viilor besuchen – ich biege in Copşa Mică (Kleinkopisch, einst mit
seiner Rußfabrik und Buntmetallhütte die berüchtigtste rumänische
Dreckschleuder) links ab und finde schon gleich zu Beginn des Tales eine prima
Stelle rechts oberhalb der Straße, wo mich niemand sehen kann. Beim Kochen
zieht ein Gewitter auf, doch es bleibt in einiger Entfernung hängen.
Siebenbürgen ist schon irgendwie wieder ganz anders als die Maramureş,
nicht nur vom kulturellen Gepräge dieser Gegend durch die deutschen Siedler
her, sondern vor allem auch landwirtschaftlich. Es wird hier mehr Ackerbau (Mais
und Getreide) betrieben und die das Landschaftsbild prägenden Heuhaufen
fehlen. Auch sieht man sehr viel weniger Menschen auf den Feldern, dafür
aber ab und zu sogar Mähdrescher. Vielleicht sind die Leute hier reicher
als im Norden?
68,2 km – 18,7 km/h – 358 hm